Vermisst … eingereicht von Theo, 17. April 2010



Vermisst

 

Es ließ sich nicht vermeiden, an diesem Tag mal wieder einkaufen zu gehen. Mein kleines Kühlfach enthielt keine Pizza mehr, mein Wasser war alle. Ich überlegte, ob ich nicht dazu übergehen sollte, das Hamburger Trinkwasser zu testen, billiger und frei Haus, doch ich konnte fürs erste nicht auf meine Kohlensäure verzichten. Oder wollte nicht, aber wo ist da der Unterschied?

 

Als ich mit dem vollen Kasten Wasser und dem Rucksack mit der Pizza ächzend die Stufen wieder erklomm, übertönte plötzlich laute Musik mein Schnaufen. Don Henley sang von den Boys of Summer. Da bemerkte ich die offene Wohnungstür in der zweiten Etage. Sie stand sperrangelweit auf, im Schloß steckte der Wohnungsschlüssel. Ein Bund anderer Schlüssel und ein großer, herzförmiger Anhänger baumelten darunter. Durch die offene Tür hallte die Musik ins ganze Treppenhaus, aber bislang hatte sich scheinbar niemand daran gestoßen. Ich überlegte kurz, setzte dann den Wasserkasten ab und betrat die Wohnung. Die Musik wurde lauter.
Hallo!“, rief ich gegen die Musik an. Die Wohnung war was die Raumaufteilung anging eine genaue Kopie meiner vier Wände. Ich ließ das Bad rechts liegen und wandte mich durch den Flur nach links. Ein voller Wäscheständer mit etlichen T-Shirts und drei bunten Socken stand in einer Ecke. Die Musik wurde fast ohrenbetäubend laut. Mattes Licht drang durch die Wohnzimmerfenster herein. Jalousien hingen davor, eine war hochgezogen. In der Mitte des Raumes stand eine junge Frau. Sie hatte die Augen geschlossen und bewegte sich verträumt zu dem Song, der ihr aus den großen Lautsprechern auf dem Boden entgegendröhnte.
Ihre langen, dunkelbraunen Haare fielen sanft auf ihre Schultern. Das hübsche Gesicht mit den rotgeschminkten Lippen verschwand hinter den Locken. Ihre ausgebreiteten Arme berührten fast die blauen Jalousien vor den Fenstern zum Hof.
Ich räusperte mich so laut, dass ich den Gesang übertönte. Erschrocken öffnete sie ihre Augen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
Entschuldigung. Aber die Tür stand offen, und die laute Musik…“, begann ich. Rasch drehte sie die Lautstärke auf ein erträgliches Maß herunter. Verlegen sah sie mich an.
Die Tür?“, fragte sie. „Oh, das tut mir leid.“
Der Schlüssel steckt außerdem“, sagte ich und fügte hinzu: „Von Außen.“
Mit einem Satz verschwand sie aus dem Zimmer, ich hörte die Tür ins Schloß fallen und den Schlüsselbund rasseln, dann erschien sie wieder.
Ich bin im Augenblick nicht ganz da“, sagte sie lächelnd. Ein wenig gequält, wie mir schien. Ich erwiderte die Geste.
Du stehst auf Don Henley?“, fragte ich dann.
Eigentlich nur auf das Lied. Von den Eagles mag ich auch nur ‘Hotel California’ und ‘One of these nights’.“
Geht mir genauso.“
Sie starrte an mir vorbei zum Fenster hinaus in den tristen Innenhof.
Erinnert mich an…“, begann sie.
An… ?“, hakte ich nach. Sie seufzte, sah mich nicht an, atmete tief durch und fuhr fort. Sie schien ein Gespräch sehr nötig zu haben, sonst hätte sie nicht so bereitwillig erzählt.
…an jemanden, den ich sehr gerne habe. Wir haben die ganzen letzten zwei Wochen täglich telefoniert, uns fast jeden Tag gesehen. Ich erzählte ihm von meinen Träumen, meinen Ängsten, von meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Jemanden, der mich voll und ganz versteht. Der mir bei meinen Problemen helfen kann, dem ich alles anvertrauen kann. Und der mir auch alles erzählen kann, was ihn bedrückt. Ich wollte eigentlich niemals mehr jemanden so nah an mich heranlassen, doch ich konnte nicht anders. Da war jemand, der sich für mich interessierte. Ich war so froh, und so blind…“
Ich hörte aus ihrer Stimme heraus, dass sie mit den Tränen kämpfte.
Ihr habt euch getrennt?“, fragte ich. Sie drehte sich noch immer nicht um, sah weiter aus dem Fenster in den Hof.
Wir waren nie zusammen. Er hat eine Freundin und hatte das auch nie in Frage gestellt. Ich wußte es und habe es ignoriert. Alles, was er wollte, war eine platonische Freundschaft. Und ich blöde Kuh hab’ mich trotzdem verliebt.“
Jetzt endlich drehte sie sich zu mir um. In ihren Augen glitzerte es feucht.
Und jetzt?“, fragte ich behutsam nach. Sie sah an mir vorbei zur Decke, die Mundwinkel zuckten leicht.
Ich will Abstand gewinnen. Ich rufe ihn nicht mehr an, und ich hoffe, er meldet sich nicht mehr. Seine Freundin ist aus den USA zurückgekommen. Wahrscheinlich sitzen sie gerade zusammen…“ Ihre Stimme versagte. Tränen liefen an ihren Wangen hinunter. Sie schluchzte leise und fing sich wieder.
Ich habe so viel von mir erzählt, dass ich fürchte, er hat mich zu sehr durchschaut. Er hat meine Zuneigung für ihn als Suche nach einer Bezugsperson ausgelegt. Wir haben so lange über den Grund meiner Gefühle geredet, dass am Ende nichts mehr übriggeblieben ist.“
Er hat dir gesagt, dass es nicht auf ihn persönlich ankommt, sondern nur auf jemanden wie ihn“, sagte ich leise. Sie nickte.
Ich habe das Gefühl, als sei jetzt alles zwischen uns gesagt, als hätten wir eine gemeinsame Basis zerstört.“
Sie machte eine lange Pause.
Ich spüre so was wie Verlust“, sagte sie dann. Wir blickten uns in die Augen, sie versuchte sich an einem Lächeln. „Merkwürdig, was? Er gehörte doch niemals zu mir…“
Ich zögerte, vielleicht eine Sekunde zu lang. Sie drehte sich um und stellte die Musik wieder laut. Dann schloß sie die Augen, breitete die Arme aus und tanzte für sich selbst und mit sich alleine in der Mitte ihres Zimmers.
Ich preßte die Lippen aufeinander und zog mich zurück.

An der Tür hörte ich ‘Down on love’ von Foreigner.

Kommentare:

  • Isabel Cabrer Ich glaube, hier lebt jemand in seiner eigenen Welt, nicht in der Realität. Traurig aber wahr. Der jenige wird sofort wissen dass er damit gemeint ist.
  • Isabel Cabrer So was erlebte ich auch in einer sehr seltsamen Zeit meines Leben, aber was danach kam hinterließ Folgen.
  • Sven Koch Ja, ist schon länger her, dass ich das geschrieben habe. In einer sehr seltsamen Zeit meines Lebens.
  • Alf Schön, wo man dich so trifft. Freut mich, dass du hier geschrieben hast und vor allem auch was du geschrieben hast. Da ist sehr viel Gefühl drin und prima geschrieben. 

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von | November 30, 2010 · 7:54 pm

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