Wintertränen des Glücks … eingereicht von Leonie Lucas, 19. April 2010


Wintertränen des Glücks


Wovon sie erwacht ist weiß Tabea nicht genau. Noch weigert sie sich die Augen aufzumachen, gibt sich ganz dem Klang von Sebastians Stimme hin, als er sie beim alten vertrauten Kosenamen ruft.
„Guten Morgen, Sonnenschein! Es schneit. Hier, schmeck mal“ Erschrocken öffnet sie nun doch die Augen, denn er benetzt ihre Lippen mit etwas Kaltem, das  augenblicklich seine Konsistenz wechselt – es schmilzt: Schnee.
„Unsere Wintertränen des Glücks“, flüstert Tabea nur.
Sebastian nickt, dreht sich um und geht ins Bad. Die Tür lässt er auf wie er es immer tut an diesen Tagen. Er weiß, sie wird ihm nicht folgen. Kann es einfach nicht. Doch er will das Band nicht abreißen lassen zwischen ihnen. Darum singt, summt, oder pfeift er immer eines ihrer Lieblingslieder während das Wasser einläuft. Darum bleibt die Tür immer auf. Tabea lauscht: “Music was my first love” singt er heute und wie immer ändert er den Text: ..“but you* will be my last“
Sie hört wie er stockt und dann nur noch pfeift. Sie weiß, dass er sie noch liebt und sie weiß warum er dieses Lied nicht mehr singen kann. Ach, könnte sie ihn doch erlösen von seinem Schmerz.
An jenem Abend vor drei Jahren, als sie einen langen Spaziergang gemacht hatten, war er entstanden, ihr ganz persönlicher Ausdruck für Schnee. Wie zwei kleine Kinder hatten sie ihre Gesichter dem fallenden Weiß entgegen gehalten, gelacht, getanzt, sich geküsst und ihre erste Nacht miteinander verbracht. Hier in dieser Wohnung, wenn auch nicht in diesem Bett… Ja, damals hatten sie zum ersten Mal von „Wintertränen des Glücks“ gesprochen. Oh, und sie waren glücklich gewesen. So glücklich. Bis zu jenem Tag als alles anders wurde, weil sie sich gestritten hatten. Und immer noch gibt er sich alleine die Schuld. Das tut weh, unglaublich weh zu sehen wie er leidet. Immer noch.
Sebastian kommt aus dem Badezimmer zurück. „Ich liebe dich“, sagt Tabea und schaut ihm direkt in seine blauen Augen in denen sie auch heute noch  so gerne ertrinkt. Anstatt etwas zu erwidern beugt er sich zu ihr hinunter. Seine weichen Hände streifen ihr das Nachthemd ab, wecken Erinnerung an einstmals zärtlich leidenschaftliche Augenblicke. Seine Küsse – erst auf die Stirn, und die Augen. Dann, etwas zögerlich auf den Mund, lassen die frühere Leidenschaft in ihr aufsteigen. Sie weiß ER ist es. Immer noch. Wird es immer sein. Der Eine. Der Einzige. Wie zaghaft seine Berührungen sind oder doch eher mechanisch? Ekelt es ihn vor diesen Tagen, an denen sie beide den ganzen Tag alleine sind, den Tage auf deren so tröstlich rituellen Ablauf sie sich immer freut: Jeden Samstag und Sonntag wäscht er sie, danach frühstücken sie gemeinsam. Er liest ihr vor, erzählt von seiner Arbeit. Im Sommer öffnet er die Balkontür weit, damit sie die Wärme fühlen, das Leben dort draußen riechen und hören kann. Oh und sie lachen auch viel. Sie hat es schon immer geliebt sein Lachen. Aber seit dem Tag an dem er angetrunken in den Graben gefahren war, dem Tag mit dem Unfall bei dem ihm nichts und ihr alles zugestoßen war, seit diesem Tag erreicht es nur noch selten seine Augen und – sie weiß es gewiss – schon gar nicht sein Herz.
„Sebastian, ich liebe dich“, sagt sie noch einmal, fast atemlos jetzt, fast stöhnend vor Sehnsucht nach ihm. „Ich weiß“ sagt er, sich von ihr abwendend, bevor er damit fort fährt sie mit bloßen Händen zu waschen, um seine Schuld abzubezahlen und gleichzeitig sich damit zu strafen, dass jede Berührung, auch in ihm Lust und Verlangen erweckt, nach etwas, das er ganz alleine zerstört hat. Nur seinetwegen ist sie vom Hals abwärts gelähmt. Nur seinetwegen kann sie nie mehr die leidenschaftliche Frau sein, die sie einmal war- Nur seinetwegen gibt es für sie nicht mehr an Intimität, als diese wenigen Augenblicke, diese Schatten ihrer einstigen körperlichen Liebe. Er schaut sie an, wie schön sie ist in diesen Momenten, mit ihrem entrücktem Gesicht, wie er es liebt und gleichzeitig hasst dieses leichte Beben. Seit fast einem Jahr nun vollziehen sie diese Wochenendrituale, die ihn dazu zwingen sich Erleichterung auf anderem Wege zu suchen. Erleichterung, die nichts mit dem befriedigenden Gefühl der Erfüllung zu hat, das er nach einem Liebesakt mit Tabea stets verspürt hatte. In letzter Zeit hatte sie immer öfter seine Hand mit ihren Lippen und auch mit ihren Zähnen liebkost, sobald sie die Gelegenheit dazu gehabt hatte. Einmal – ja vor drei Tagen erst, hatte er sich auf ihren Wunsch neben sie gelegt, und sie hatte ihm erzählt was sie gerne tun würde, um ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn noch begehrte.
„Weißt du, Liebling, oft will etwas in mir platzen, will raus. Ähnlich wie Wasserdampf in einem Dampfkochtopf, weil mein Körper dich gerne wieder in sich hätte, oder zumindest, wünscht, dass ich dir Lust verschaffe!“
Sebastian, greift nach dem Handtuch und beginnt Tabea abzutrocknen. Beide sehen sie sich nur scheu an und schweigen, bis er ihr ein neues Nachthemd überziehen will.
„Nein, Basti, bitte nicht!“ Ihre Stimme zittert leicht. „Ich möchte mit dir schlafen. Jetzt. Möchte all die Dinge für dich tun, die ich dir neulich ins Ohr flüsterte.“ Sie schluckt. „Liebling, diese Schuld muss aufhören. ICH habe mich damals geweigert mich anzuschnallen sonst wäre vielleicht auch mir nichts weiter passiert als ein gebrochener Arm und eine leichte Kopfverletzung“
Sebastian sieht auf sie hinunter – hilflos. Er weiß er kann weggehen, sie einfach hier liegen lassen mit ihrer Liebe. Ihrer – Lust? Kann später wieder kommen, ihr etwas besonders Schönes kochen und das Thema totschweigen. Doch dann sieht er das Bitten, ja, das Flehen in ihren Augen:
„Lass mich dir doch endlich geben, was ich dir von dem, was du dir wünschst, geben kann! Basti, da draußen, siehst du, das sind sie unsere „Wintertränen des Glücks“. Hörst du nicht wie sie uns zurufen: „Lasst heut den ersten Tag vom Rest eures gemeinsamen neuen Liebesleben sein!“?“ Ihr Lächeln trifft ihn wie ein Stromschlag, ein köstlicher, kein „Nein“ duldender Stromschlag. Alles scheint ihm plötzlich so leicht!
„Was soll ich tun, Sonnenschein?“
„Als erstes reicht es wenn du mich küsst und dich dann ganz langsam ausziehst, und dann…“Ja,“ denkt Sebastian, als er sie so vor sich sieht, strahlend und erwartungsvoll.
„Sie ist mein Sonnenschein – immer noch!“
Erst am späten Vormittag hört es auf zu schneien. Ein weißer, weicher Teppich des Friedens dämmt allen störenden Lärm von draußen. So bleibt drinnen nur Lachen unter Tränen des Glücks.


(c) Leonie Lucas

Wintertränen des Glücks, erschienen in der Anthologie „Blicklichter“. Herausgeber: Bernd Rosarius, Tordenfjord Verlag, November 2009ISBN-13: 978-3939948285

Hinterlasse einen Kommentar

von | November 30, 2010 · 8:03 pm

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s