Schneeengel … eingereicht von Leonie Lucas, 08 Juni 2010

Diese Geschichte entstand, als ich einmal irgendwo ein Gedicht las, in dem jemand auf eine für mich sehr selbst beweihräuchernde Weise, über die eigne Betroffenheit schrieb in Bezug auf von ihren Müttern getöteten Neugeborenen. Es ist ein Thema, das auch mich sehr bewegt und ich möchte diese Frauen nicht in Schutz nehmen, aber mich bemühen, die tiefe Verzweiflung nachzuvollziehen, die eine werdende Mutter, ob nun aus egoistischen oder was für Gründen auch immer, dazu bringt ihrem Kind die Zukunft zu nehmen. (Statt ihm eine bei einer Pflegefamilie zu ermöglichen)

Schneeengel

 

Heute war deine Beerdigung, der Friedhof war voller Menschen, die sich dir näher glaubten, als ich es dir je war. Ich deine Mutter, ich, die Frau, die dich 9 Monate in sich trug und dich dann – wie nannten sie es? — „entsorgte“. Überall Menschen die weinten, die dir Rosen ans Grab legten und sogar Kuscheltiere. Menschen, die mich verfluchten für meine grausame, herzlose Tat. Menschen, die nie verstehen könnten, dass ich dich tötete noch bevor du lebtest, um dich zu retten und zu schützen. Ach, ich verstehe es ja selbst nicht mehr.

Vielleicht stehe ich deshalb immer noch hier an deinem Grab, schaue zu wie Schnee all die Liebesgaben, all dieser Fremden bedeckt, mit einer weißen, reinen Schicht scheinbarer Unschuld. Nein, keine Frage, du bist unschuldig ich nahm dir ja alle Möglichkeiten es einmal nicht mehr zu sein. Nein, keine Frage, alle Gaben kommen vom Herzen derer, die sie dir auf dein erstes und letztes ewig dunkles Heim legten. Ja, ich sah viel Betroffenheit in ihren Augen und Tränen, so viele Tränen.

„ Können Sie verstehen wie eine Mutter so etwas tun kann?“ fragte mich eine Frau, die neben mir stand. „Ja“, hätte ich am liebsten geschrieen, „ja!“

Doch ich schwieg im Anblick ihrer Augen die voller Trauer waren und voller Hass. Sie hätte nicht verstanden, dass ich glaubte, dich töten zu müssen, um dich vor mir zu retten, du vor der Welt. Wovon hätte ich dich denn ernähren sollen? Mein Geld brauche ich für… Ach, das sollst du gar nicht wissen. Nur so viel, es ist das, was meine Leben zerstörte und mir doch ermöglicht es zu leben. Es ist das, was mich dazu brachte zu lügen, zu rauben und mich zu verkaufen. Mich zu verkaufen an Männer die ihren Schwanz in mich stecken durften, in meinen Mund oder meine Scheide. Männer, die in diesen Augenblicken, sich so mächtig fühlten und dieser skrupellosen und oft falschen Welt entflohen, in der alles käuflich ist und der Mächtige den Schwächeren erniedrigt um sich noch mächtiger zu fühlen, aus Angst aus dem Traum über die eigene Macht irgendwann zu erwachen. Sie kauften und erniedrigten mich und ich dankte es ihnen sogar.

Einer von ihnen, hinterließ dich. Keinen von ihnen hätte ich mir als deinen Vater gewünscht, als den Mann, der uns beide liebt und behütet. Uns Wärme spendet, wenn die Welt uns erfrieren lässt, weil wir ihr Spiel nicht spielen können. Nein, weil ich es nie spielen konnte. Dich in mir zu spüren, zu merken, wie du wächst, gab mir Geborgenheit. Geborgenheit vor der ich wußte, ich würde sie dir niemals zurückgeben können und wollen, darum änderte ich auch mein Leben kaum, ging nie zum Arzt. Der hätte nur…

Mein Schatz – oh wie gut es sich anfühlt dich „Schatz“ zu nennen. Wie gut es sich anfühlt plötzlich Trauer zu spüren und die Sehnsucht dir nahe zu sein. Mein Schatz. Ich will meine Tat nicht entschuldigen, ich kann es gar nicht. Aber vielleicht kannst du mich ja irgendwann verstehen, auch wenn ich weiß, dass ich dir dieses „irgendwann“ längst genommen habe, als ich dich einfach so auf der Erde liegen ließ. Sag mir hast du was gespürt? Hast du noch gelebt? Dich nach meiner Wärme gesehnt?

„Sagen Sie“, war die Frau fort gefahren mit Tränen erstickter Stimme, „meinen Sie es hat noch etwas gespürt? Hat noch gelebt? Sich nach ihrer Wärme gesehnt?“

Ich habe ihr nicht geantwortet, sondern bin einfach weg gegangen und habe mir die anderen Trauernden angeschaut. Oh, hab ich es dir schon erzählt? Auch das Fernsehen war da und die Zeitungen. Alle haben mich verflucht und werden es die nächsten Tage noch tun. Und dann?

Ich habe mir wirklich all die Leute, die da waren, angeschaut. Einige setzten sich in Szene für das Fernsehen, gaben mit selbstgerechter Stimme bereitwillig Interviews, obwohl sie immer wieder beteuerten keine Worte zu haben für diese meine Tat. andere hatten ihre kleinen Kinder mitgebracht. Ich sahen ihnen in die verängstigen Augen und fragte mich: Warum? Warum, tut ihr euren Kindern das an? IHR liebt sie doch! Oder braucht ihr meine furchtbare Tat um ihnen zu zeigen, wie gut sie es bei euch haben, weil sie das nicht tun?

Mein Schatz, ich weiß es sind vielleicht nur 4 oder 5 solcher Leute da gewesen, doch die anderen? Was tun sie wenn ihr Hass auf mich nur noch ein Schatten in ihren Herzen ist?
Wie viele reden nur, wie viele schauen das nächste Mal nicht angeekelt weg, wenn sie eine wie mich in der Stadt sehen? Eine, deren Zuhause die Straße ist, die Heil sucht in Gift und einen Moment der Zuneigung im Schoß fremder Männer? Mich kann niemand mehr retten. Ich will auch gar nicht mehr gerettet werden. Doch wäre es nicht schön, wenn dein Tod und der Hass auf mich, dafür sorgen würden, dass die Menschen achtsamer mit anderen umgingen? Nicht gleich verurteilten um sich wieder in den kalten Kampf des schlanker, schöner, schneller, erfolgreicher zu stürzen?

Mein Schatz, es ist Zeit für mich, dich zu verlassen. Ja, ich werde gehen ohne Wiederkehr.
Werde dich mit mir nehmen in Gedanken, werde dich lieben und mich verfluchen für meinen Mord an dir. Werde auch dich verfluchen, dass du leben wolltest, bei einer Frau, die dir kein Leben in dieser Welt ermöglichen konnte und wollte. Werde immer die verfluchen, die mich dazu brachten, so zu sein wie ich bin und die, die mich ohne irgendetwas über mich zu wissen, verachten, auch werde ich immer wieder nach einer Entschuldigung suchen, nach einem Schuldigen. Doch ich kennen sie ja, die Schuldige: ich bin es allein. Da helfen keine Ausflüchte, keine Schimpftiraden auf die Grausamkeit der Welt. Denn ich warf dich weg, weg, wie ein altes Spielzeug, einen nie gewollten unnützen Gegenstand.

Ja, ich werde dich nun verlassen aber zuvor lege ich mich zu dir in den Schnee um dir mein einziges Geschenk zu hinterlassen. Einen dieser Schneeengel, die entstehen, wenn man, auf dem rücken liegend die ausgebreiteten Arme auf und ab bewegt. Er soll dich schützen, mein Schatz.

Und dann werde ich gehen zu einem nächsten Schuss, in ein neues Leben, zur Polizei mich zu stellen oder einfach dahin, wo du schon bist.

Ich weiß es nicht.

12.03.09 /(c)Leonie Lucas

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von | Januar 13, 2011 · 2:15 am

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