Gainsbourg & Gainsbarre als Film … 15. Oktober 2010 in Rekas Blog

 

Film „Gainsbourg“ (Zeit-online, 15.10.2010)

Der wilde Rausch und der Kater danach


Joann Sfar ist ein Meisterstück gelungen. Sein Film zeigt die Leidenschaft und Zerrissenheit, den Ruhm und den Wahn des französischen Musikers Serge Gainsbourg.

Und da ist er wieder, langnasig, segelohrig, ein nonchalantes Grinsen auf den Lippen. Und so charmant, dass das langbeinige Mädchen seufzt. Ihr Französisch hat einen weichen englischen Akzent wie auf alten Schallplatten. Die beiden stehen an der Seine im nächtlichen Paris, und man meint beinahe, sie wären es wirklich: Jane Birkin und Serge Gainsbourg.

Das ist das Meisterstück, das dem Regisseur Joann Sfar in seinem Film Gainsbourg gelungen ist: Der gleichnamige Musiker und Lebenskünstler wird in seinen Bildern lebendig. Und das liegt nicht nur an den Schauspielern Eric Elmosnino und Lucy Gordon, die den Originalen verblüffend ähneln. Es liegt vor allem an Sfars Idee, aus einer Biografie ein Märchen zu machen.
Anstatt eins zu eins verschiedene Szenen aus Gainsbourgs Leben zu imitieren, sucht er nach der Atmosphäre, die den Komponisten von Skandalliedern wie Je t’aime… moi non plus umgibt. Er geht Gainsbourgs Zerrissenheit auf den Grund und seiner Leidenschaft. Und er findet eine Metapher für die diabolische Kraft, die Gainsbourg zu Ruhm und Wahnsinn verführt: Es ist eine groteske Pappmaché-Figur, die das Alter Ego des Künstlers darstellt und ihm nicht von der Seite weicht.
Inspiriert ist sie von einem Plakat, das das Gesicht des „bösen Juden“ darstellt. Der kleine Lucien Ginsburg – so hieß Gainsbourg eigentlich – sieht dieses Plakat an einer Straßenecke. Er ist das Kind russischer Juden, die vor der russischen Revolution nach Frankreich immigriert sind und dort während des Zweiten Weltkriegs wieder verfolgt werden. In dem Gesicht an der Wand sieht Gainsbourg seine eigene „Fresse“, wie die Gestalt künftig genannt wird, die seine rege Fantasie annimmt.
Sie begleitet ihn in das Kinderheim außerhalb der Stadt, in dem er sich versteckt, und schickt ihn nachts in den Wald, als Nationalsozialisten das Kinderheim durchkämmen. Erwachsen geworden flaniert sie mit ihm durch Paris und gibt dem Taumelnden den letzten Schubs in die Arme schöner Frauen. Mit einer Rose in der Hand steht die „Fresse“ neben ihm vor der Tür Juliette Grecos und raunt: „Hätte sie dich so spät nachts eingeladen, wenn sie sich nur einen Song von dir gewünscht hätte?“

Gainsbourg verlässt seine Frau und findet sich in den Betten der schönsten Frauen wieder. Brigitte Bardot (Laetitia Casta) tanzt durch sein Arbeitszimmer, mit flatternden Haaren wie die Venus von Botticelli, nur mit einem Laken verhüllt. Es geht um Liebe und Leidenschaft, um wilden Rausch und die Schmerzen des Katers danach. Es geht um den Glanz des Künstlertums, der ein so flüchtiger ist.

Als sich Serge bis über beide Ohren in Jane Birkin verknallt, lümmelt die „Fresse“ schmollend in der Ecke und raucht eine Gitane nach der anderen. Der sesshafte Serge, der mit der Birkin in der Badewanne ein Kind zeugt, gefällt ihr gar nicht. Aber sie weiß, eines Tages wird sie wieder die Oberhand gewinnen. Gainsbourg wird ihr aufs Neue verfallen, er wird sein selbstzerstörerisches Leben bis zum Ende führen. Mit ihren dünnen Spinnenfingern trommelt die „Fresse“ an den Türstock. Ein wenig erinnert sie dabei an den Pan aus Pans Labyrinth, und tatsächlich wird sie auch vom selben Schauspieler, Doug Jones, gespielt.

Oft lässt Gainsbourg an Guillermo del Toros Märchen denken, da auch hier das Surreale immer wieder Einzug in die vertraute Welt hält. Ganz Paris wird zu einem Märchen unter den Händen von Joann Sfar, der sich bisher als Comiczeichner einen Namen gemacht hat, was man jedem seiner durchkomponierten Bildern anmerkt.

Und dann gibt es diese Momente, in denen die Musik die Oberhand gewinnt. Sfar setzt sie nur punktuell ein, legt keinen Gainsbourg-Klangteppich unter die Bilder, sondern lässt nur manchmal ein paar Takte anklingen von diesem unvergleichlichen Sound. Da steht Jane Birkin alias Lucy Gordon im Studio und haucht „Je t’aime…“. Die Geigen explodieren. Und es fühlt sich genau so an, wie es gewesen sein muss.

Brigitte Bardot (Laetitia Casta) und Serge Gainsbourg (Éric Elmosnino)

 

Hinterlasse einen Kommentar

von | Januar 18, 2011 · 12:45 am

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s