Archiv der Kategorie: Sybille Lengauer

Frank am Fenster

Korrespondierend mit der Webseries ‚Hamburt Heartbreak‘ und diese kontrastierend … wie auch immer, eine ganz starke Geschichte. Danke Dir dafür.

Hirnwichsen

Da steht er. Steht so da und schaut blöd aus dem Fenster. Schmierig, veraltet und gelblich, das Fenster und der Frank. Er bläst Rauch gegen die Scheibe und zieht die Nase kraus. Kleine Fettwürmer winden sich dabei aus den Poren seiner Nase. Sehen aus wie weiße Kringelhaare. Frank muss nachdenken. Und wie immer, wenn er nachdenken muss, schaut er dabei blöd aus dem Fenster. Sieht allerdings nichts. Schaut nur blöd. Und denkt. Denkt was er jetzt mit der Leiche macht, die im Badezimmer unter einem Berg von Handtüchern liegt. Vielleicht ist er da ein wenig eskaliert, denkt der Frank. Vielleicht hätten es ein paar gut portionierte Schläge auch getan. Aber jetzt ist er tot, der Bernd. Ziemlich tot sogar. Und irgendwie war es doch richtig.
Frank wartet darauf, dass irgendwas passiert. Dass sich die Welt verändert oder vielleicht auch nicht. Schaut dabei weiter blöd aus dem Fenster. Raucht und spielt…

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Eingeordnet unter Prosa, Sybille Lengauer

Ich bin tot – Sybille Lengauer

 

Ich bin tot, von Sybille Lengauer

  • Unveröffentlichte Geschichte, mit freundlicher Genehmigung von Sybille Lengauer. Alle Rechte liegen bei der Autorin.

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Einstürzende Neubauten, Musik, Prosa, Sybille Lengauer

Fast schon ganz alles … eingereicht von Sybille Lengauer

Er sitzt im Schneidersitz auf der verschneiten Straße, trinkt Bier und scheint immun gegen den Frost zu sein. Energisch drückt er seinen mageren Rücken gegen ein Schaufenster, brüllt sein Mantra in die Welt hinaus:„Gimme some loooove, womman, gimme some loooove.“ Ein paar Passanten beschleunigen ihre Schritte. Seufzend geht ein Punk mit ausgewaschenem Iro neben ihm in die Hocke. „Na Digga, brauchste noch Pfand? Hab zwei Flaschen über, was sagste dazu, hä Kumpel?“ „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove“, lautet die Antwort. Spucketropfen fliegen. „Okay, ich pack se in deine Tüte, hab noch wat vor. Kannst ja später in Park kommen, Digga.“ „Gimme some loooove?“ Kopfschüttelnd steht der Punk wieder auf, drückt die Knie durch und geht Richtung Innenstadt davon.

Er sitzt nur weiter auf der Straße, das Bier jetzt leer, der Pappbecher auch, der vor ihm steht und langsam im Bodenfrost festwächst. Rhythmisch bewegt er den Körper zu der Melodie in seinem Kopf. „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove!“

„Sieht dir wieder ähnlich, den ganzen Tag fett auf der Couch sitzen und die Bude versiffen lassen, blöde Schlampe!“ Das ist Vaters Mantra und Mutter weiß, was jetzt kommt. Wie jeden Abend versucht sie, seinen Schlägen auszuweichen, ist aber viel zu betrunken. Gesoffen hat er auch, aber schlagen kann er dann immer noch, vor allem seine Frau. Und das macht er jetzt. Mit Hingabe. Im Nebenzimmer hockt der Filius, hat selbst ein blaues Auge, weil er verdammt schlechte Noten nach Haus gebracht hat. Er hört nicht, was Mutter kreischt, denn er presst die Kopfhörer seines Walkmans fest gegen die Ohren. „Gimme some loooove, womman…“ singt irgendwer, er hat keine Ahnung von wem die Nummer ist. Die Kassette hat er einem Schulkollegen aus der Tasche gezogen, als er Turnen schwänzte. Morgen fahren die anderen auf Klassenfahrt. Sportwoche. Aber Vater meinte, die Idee, dass er da mitfahren könne, kann er sich direkt in den blöden Arsch schieben. Und dann hagelte es blaue Flecken. Er drückt den Repeate-Knopf und in der kurzen Zeit, während die Kassette zurückspult, hört er aus dem Nebenzimmer schluchzendes Heulen. „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove“ murmelt er. Drückt seinen schmerzenden Rücken gegen das speckige Kinderbett und versteht den Rest des Textes überhaupt nicht.

„Alter, was ist denn das für ein Pisser?!“ empört sich eine Stimme. Beine kommen in sein Blickfeld, er sieht Turnschuhe und eine Blue-Jeans. „So ein verfickter Penner, hockt hier auf der Straße und brüllt die Leute über den Haufen, hat der sie noch alle?!“ regt sich die Stimme weiter auf und überschlägt sich dabei pubertär. „Pisser“ zischt es und die Turnschuhe treten ihn aus dem Schneidersitz. Er kippt einfach zur Seite, hebt zögerlich eine Hand. „Gimme some loooove, womman?“ „Alter, ich geb dir gleich was ganz anderes!“ herrschen ihn die Turnschuhe an und ein paar Sneakers daneben kichern. Die Schuhe beginnen einen Tanz auf seinem Körper, treten ihn in den Bauch, treten gegen seinen Kopf, treten in seine Weichteile. „Du scheiß Penner!“ lachen die Sneakers und zielen auf seinen Mund. Er spuckt Blut und Zähne. Eine Flasche kracht auf seinen Schädel.

„Weißt du, was ich wirklich an dir mag?“ fragt sie ihn, nachdem er leise gefragt hat, ob sie mit ihm ausgeht. „Weiß ich nicht.“ murmelt er verzagt und wird rot. „Ich auch nicht.“ meint sie und stolziert unter dem gegacker ihrer Freundinnen davon. Er zuckt wie ein geschlagener Hund. Blickt sich verlegen um und hat das Gefühl, dass der gesamte Schulhof mit dem Finger auf ihn zeigt. Geschlagen schlurft er vom Feld, nie Eroberer, nie Held und schwört sich, dass er nie wieder mit Mädchen reden wird. Er schließt sich im Klo ein. Setzt sich seinen Walkman auf die Ohren. „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove!“ schallt es aus den Kopfhörern. Aus seiner Tasche holt er Klebstoff und eine zerfledderte Plastiktüte. Inhaliert bis er fast ohnmächtig wird.

„Scheiße, ich glaub der Pisser ist hinüber.“ sagen die Turnschuhe und treten zur Sicherheit noch einmal hinterher. „Fuck, Alter, lass jetzt endlich, ich hab keinen Bock mehr!“ greinen die Sneakers. Kleine Blutspritzer kleben an ihnen. Plötzlich zuckt Blaulicht über sie hinweg. Schnell rennen sie davon. Etwas später beugt sich ein Polizist über den reglosen Körper. „Ich glaube für den brauchen wir keinen Krankenwagen mehr.“ stellt er trocken fest.

„Ich liebe dich“ flüstert sie ihm zärtlich ins Ohr, während er die weiche Haut an ihrem Hals streichelt. „Ich liebe dich wirklich“, wiederholt sie und schaut ihm dabei tief in die Augen. „Aber ich muss dir etwas sagen.“ Er schaut zurück, in diese wunderschönen, blauen Augen und versinkt in ihrem Blick. „Ich hab mich für das Kunststudium in Berlin beworben und sie haben mich genommen. Ich zieh nach den Sommerferien nach Berlin.“ Er wacht schlagartig aus seiner Trance auf. „Ich denke, wir werden uns dann nicht mehr oft sehen, denn das Studium ist sehr anstrengend und außerdem hast du nen Job hier und ich glaube nicht, dass du mit nach Berlin kommen wirst, oder?“ Der letzte Satz ist keine echte Frage. Das hört er genau. „Natürlich werde ich dir schreiben und außerdem kannst du mich ja manchmal besuchen, aber ich glaube es macht echt keinen Sinn, wenn wir weiter zusammen bleiben. Weißt du was ich meine?“ Das war eine Frage. Er kennt die Antwort. Nickt. „Ich hab dir unseren Song aufgenommen, du weißt schon, der den du mir vorgespielt hast, als wir uns das erste Mal geküsst haben. Auf der Kassette ist nur die eine Nummer, damit du nicht immer zurückspulen musst. Ich liebe dich wirklich, vergiss mich bitte nicht.“

„Hast du schon gehört, den Rastaman hats neulich erwischt, den haben sie weggetreten.“ erzählt ein paar Tage später ein Mädel dem Punk. „Scheiße, ehrlich?“ fragt der und kneift wütend die Augen zusammen. „Diese Wichser, das ist dieses Jahr schon der dritte Penner, den sie umgebracht haben.“ „Ja, stand gestern auch in der Zeitung.“ sagt das Mädel und drück ihm mitleidig die Schulter. „Angeblich war er erst 33, kannst du dir das vorstellen? Dachte immer er wär schon älter. Außerdem haben sie geschrieben, dass die Stadt jetzt wieder verstärkt Kontrollen fahren will.“ Der Punk spuckt nur wütend auf den Boden. „Weißt du, dass er mir einmal eine Kassette geschenkt hat? Meinte sie würde mir helfen, wenn es mal ganz dick kommen würde. Hab keine Ahnung was da drauf ist, hab nix wo ich sie abspielen könnte.“ Er gießt einen Schluck seines Bieres auf den Boden. „Hier Digga, das ist für dich.“ brummt er müde. „Ich glaub meine Mutter hat noch einen Kassettenspieler zu Hause, den kann ich dir mitbringen, wenn du Bock hast. Dann kannst mal reinhören, scheint ihm ja viel bedeutet zu haben.“ „Fast schon ganz alles“, murmelt der Punk traurig „fast schon ganz alles.“

© Sybille Lengauer

Sybilles Bücherwelt

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von | März 15, 2011 · 12:43 pm

Vogelfrei … eingereicht von Sybille Lengauer

Der Raum war kalt und abweisend. Staub flirrte im blassen Sonnenschein, der scheinbar nur zögernd durch das verdreckte Fenster brach. Auf dem Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf, darin starb eine gelbliche Pflanze langsam vor sich hin. Fruchtfliegen schwirrten in wirren Bahnen durch die trockene Luft. Es roch nach Einsamkeit. Ein alter Mann saß gebeugt auf einem Stuhl, malte zittrige Kreise auf den Plastiktisch. Mechanisch tauchte er seinen Zeigefinger in einen Kaffeebecher, leckte daran, zog einen neuen Kreis ins vergilbte weiß der Tischplatte. Ein alter Fernseher, der in seiner übertriebenen Größe den Raum beherrschte, plärrte sinnlose Werbebotschaften in sein Gehirn. Er hörte schon lange nicht mehr zu.

Ein dumpfer Knall ließ ihn aufschrecken. Verwirrt sah er sich um, als sähe er den Raum zum ersten Mal. Langsam stand er auf und ging zum Fenster, wobei er hörbar die Luft einsog, als er seine arthritischen Knochen streckte. Auf dem Sims lag ein zerzaustes Bündel Federn, dünne Vogelbeine reckten sich in die Luft, ein kleiner Kopf lag auf der Seite, die Augen geschlossen. Eine kleine Amsel. Zitternd stellte der alte Mann den Blumentopf auf den Boden, öffnete das Fenster und griff vorsichtig nach dem Vogel. Als er ihn mit seinen Händen umschloss, fühlte er ein leichtes Zucken.

Mit großem Bedacht ging er zurück zum Tisch, legte die kleine Amsel vor sich hin und schaute zu, wie sie atmete. Wartete. Langsam öffnete der Vogel die Augen. Lag auf der Seite und pumpte Luft in seine zarte Lunge. Durch das geöffnete Fenster drang Kindergeschrei. Ein Zittern lief durch den Körper des Vogels, dann schlossen sich seine schwarzen Augen. Der alte Mann seufzte tief, stand langsam auf und holte eine Schuhschachtel aus dem Abstellraum. Er polsterte sie mit Zeitungspapier, dann legte er die kleine Amsel hinein. Schloss den Deckel und stellte die Schachtel auf das Fensterbrett. Setzte sich erneut an den Tisch. Tauchte seinen Finger in den Kaffeebecher und malte weiter seine zittrigen Kreise.

Leises Rascheln aus der Schachtel ließ ihn innehalten. Ächzend stand er erneut auf, ging zum Fenster und öffnete den Deckel. Die kleine Amsel blickte ihm entgegen, das Gefieder etwas unordentlich, die Flügel leicht abgespreizt vom Körper saß sie in den Zeitungen. Der alte Mann schaute erstaunt zurück. Er hob langsam die Schachtel und hielt sie aus dem Fenster. Der Vogel schien ihn zu verstehen, schüttelte sich kurz und schwang sich dann in den Himmel. Flog ein wenig ungelenk, landete jedoch sicher im Kastanienbaum, der den kleinen Innenhof beschattete. Dort blieb er sitzen und sang ein kurzes Lied.

Der alte Mann stand am Fenster, beobachtete die Amsel im Baum und schien nachzudenken. Nach ein paar Minuten drehte er sich um und ging in den Abstellraum. Er holte die große Schachtel, in der einst sein Fernseher geliefert worden war. Polsterte sie mit Zeitungspapier aus und kletterte mühsam hinein. Der Vogel in der Kastanie sang erneut sein kleines Lied, als der alte Mann den Deckel über der Schachtel schloss und wartete…

© Sybille Lengauer

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von | März 10, 2011 · 10:18 pm